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Geschrieben von: UK   

Hamburg von der Rolle

Eine Gruppe begeisterter Inline-Skater düst zweimal pro Woche durch die City - ein quirliges Vergnügen. Mitfahren erwünscht, Anfänger werden an die Hand genommen.

Von CHRISTINE SCHRADER (Abendblatt vom 13.09.1997)

Und plötzlich geht's bergab. Schnell und schneller. Bordsteinkante, rote Ampel, bremsen, Aber wie? Kein Problem", sagt Gunter (57) und reicht seinen Arm, "hake dich bei mir ein. Und jetzt tief in die Knie wie beim Schneepflug. Beine auseinander, Innenkante belasten. So kannst du das Tempo drosseln."

Gunter kennt sich da aus. Bereits 1996 erlief sich der Inhaber einer Inline- Skating-Schule die Norddeutsche Vizemeisterschaft in Flensburg. Mit Thomas (47, Altenpfleger), Reiner (49, Lehrer), Iris (40, Facharbeiterin), Frank (35, Maler und Lackierer) und Birte (45, Psychologin) gehörte er zum harten Kern der Skater von der Rollschuhbahn in den Hamburger Wallanlagen. Sie treffen sich hier immer freitags um 19 Uhr und sonntags um 16 Uhr zur gemeinsamen Fahrt durch die Innenstadt, just for fun, ohne dabei jemanden provozieren zu wollen. Ein schlichtes "Hallo" ist für jederman die Eintrittskarte, um sich anzschließen - auch Kinder ab 12 Jahren sind willkommen.

Der Rekord liegt bei 150 Teilnehmern, durchschnittlich kommen 50 bis 60 Einsteiger und Fortgeschrittene. Unterstützung finden die Skater bei den Polizisten von der Davidwache, die über jede Fahrt informiert werden. Größere Gruppen sollen von Beamten auf Skates oder auf dem  Fahrrad begleitet werden. Aber an diesem Freitag abend sind es gerade mal 35.

Auf die Idee, zusammen durch die Stadt zu touren, kam Reiner. "Nein, eigentlich das Hamburger Abendblatt", wehrte er ab. "Ihr vom Journal habt uns mit der Geschichte in San Fransisco drauf gebracht." Die Hamburger Antwort: Am 26. April dieses Jahres starteten etwa 15 Skater zur Jungfernfahrt.

Die Schwünge werden weiter, das Tempo steigt, Arme und Beine folgen dem gleichen Rhythmus. Nahezu geräuschlos fahren wir am Steigenberger Hotel vorbei und durch den neuen Wall, der am Freitagabend weniger von Autos befahren ist. Dennoch hupt ein Autofahrer hinter uns. Aus Sympathie? wohl kaum, da die meisten von ihnen - wie auch Fußgänger und Radfahrer - die neuen Verkehrsteilnehmer laut Umfrage von "Auto Bild" am liebsten wieder aus dem Stadtbild verbannen würden.

Keiner weiß wo sie eigentlich fahren dürfen. Auf der Straße? Auf dem Radweg? Laut Straßenverkehrsordnung noch auf dem Bürgersteig - Als Fußgänger mit Spielzeug in Schrittgeschwindigkeit. Jedoch erreichen Skater ein Tempo bis zu 50 Stundenkilometern. Neue Verkehrsregeln sind gefragt.

Die einschlägigen Reviere beschränken sich bislang auf den IKEA-Parkplatz, die Thomas-I-Punkt-Halle und die Rollschuhbahn in den Wallanlagen. "Doch ausgerechnet die", beklagt Birte "ist im Sommer zu gut einem Drittel mit dem Freilichttheater belegt, für das es in den Anlagen sicher einen anderen Platz gäbe. Wir haben eine Eingabe an die Bürgerschaft geschrieben, um wenigstens 1998 die gesamte Fläche nutzen zu können."

Hallo, Alstervergnügen! Am Jungfernstieg schlängeln wir uns vorbei, die Bergstraße hinauf und biegen links in die Mönckebergstraße ab. Hier haben wir wieder freie Fahrt. Alle sind angekommen, vergewissern sich Thomas und Gunter. Zurückgelassen wird keiner, denn jeder fühlt sich für seinen Nachbarn verantwortlich. Auf geht's zur Polonaise. Man sucht sich einen Vordermann, Anfänger nach vorn. Und jetzt in die Grätsche und Beine wieder zusammen. Beckenbodengymnastik pur. In Vergessenheit geratene Muskeln werden spürbar. In gleichmäßigen Wellen rollen wir wieder zurück bis zur St.-Petri-Kirche.

Doch plötzlich werden die hinteren Läufer schneller und drücken die vorderen. Keine Panik! "Unfällle passieren kaum, nur einmal ist Tim aus Lübeck bei einer Rückwärtsdrehung gestürtzt. Wir haben ihn sofort ins Krankenhaus gebracht: leichte Gehirnerschütterung", erzählt Frank. Jeder fährt hier auf eigenes Risiko mit.

Am Arkaden-Café jongliert der Kellner ein Tablett mit vier Tassen Cappucino, während sich eine Dame in bütenweißer Spitzenbluse genüßlich das letzte Stück von der Schwarzwälder Kirschtorte in den Mund stopft.

Keine fünf Minuten entfernt döst ein Pulk von obdachlosen Männern unter der Stadthausbrücke vor sich hin, vom Alkohol benebelt. Ihre müden Gesichter erhellen sich, während uns ein neuer Adrenalinschub antreibt. Gerade sind wir die dreistufige Treppe von den Alsterarkaden zum Alsterfleet hinuntergelaufen. Allein hätten sich das viele nicht getraut. Aber in der Gemeinschaft ermutigt, gelingt das scheinbar Unüberwindbare ohne Blessuren. Die Abfahrt hat sogar riesigen Spaß gemacht, also versuchen wir es gleich ein zweites Mal.

Ist es für die Könner nicht mühselig, immer wieder neue Anfänger an die Hand zu nehmen? "Nee, überhaupt nicht. Wir lernen ja auch immer wieder tolle Leute kennen", erwidert Gunter.

Der Hafen erstrahlt im glutroten Licht der Abendsonne. Ein warmer Fahrtwind rauscht in den Ohren. Unsere Schwünge werden weiter, das Tempo steigt. Arme und Beine folgen dem gleichen Rhythmus. "Du kannst rollen, gleiten, tanzen", schwärmt Thomas, beinahe über dem Pflaster schwebend. Ist er auf Rollen geboren? "Nein, aber ich bewege mich darauf schon 18 Jahre - sie gehören einfach zu mir."

Gleich brettert er mühelos die kurze, steile Holzabfahrt an den Landungsbrücken hinunter, nimmt die scharfe Linkskurve, dann die Treppe in einem Satz, während sich einige Neulinge vorsichtig zu den Pontons hinunterhangeln. Den alten Elbtunnel lassen wir heute aus, weil er während der Woche von Autos befahren wird. Aber für die Sonntagstouren ist er ein Muß.

Schwitzend erklimmen wir die Hafentreppe Stufe für Stufe. Geschafft! Vom Haus an der Hopfenstraße 32 rieselt der Putz. Aber im Souterrain hat noch ein Getränkeshop geöffnet. 35 Skater mit insgesamt 280 Rollen unter den Füßen bewegen sich an den Regalen vorbei zur Kasse, um Wasser, einen Saft oder eine Cola zu kaufen. Auf dem Tisch stapeln sich die Zehnmarkscheine. "Hat denn keiner von euch Kleingeld?" "Sorry, das klappert so beim Fahren." Ein Albtraum für jeden Ladenbesitzer. Für fast jeden - hier sind die Skater gern gesehen, wie auch in der italienischen Kneipe "Lillo" am Paulinenplatz. "Dort spendiert der Wirt schon mal eine Portion Spaghetti oder ein Getränk für alle", erzählt Reiner.

Die kurze Verschnaufpause ist vorbei, auf dem Kiez erwartet uns das pralle Leben. Touristengruppen bevölkern die Reeperbahn, die Starßenkneipen sind an diesem lauen Sommerabend brechend voll. Neugierig richten sich ihre Blicke auf uns. Vor den Etablissements an der Großen Freiheit haben sich bereits die Türsteher aufgebaut. Belustigt schauen sie unserer zweiten Polonaise zu.

Es wird dunkel. Die letzte Etappe führt durch enge Straßen über den Paulinenplatz zurück zu den Wallanlagen. Etwa 10 Kilometer liegen hinter uns. Beseelt vom Glück, diese Strecke gemeinsam geschafft und die Stadt hautnah erlebt zu haben, nehmen wir locker die letzte Bordsteinkante.

Wie spät ist es eigentlich? Viertel nach neun. Gut zwei Stunden sind vergangen, es hätten auch vier sein können.

 

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